07. Juni 2009 ››› Abgelegt unter Brit-Stuff

Ein Hohelied: Das Genie des Armando Iannucci

Heute möchte ich das Hohelied auf Armando Iannucci singen. Der Mann ist vollkommen unbekannt in Deutschland – nichts, was er geschrieben hat, hat je das Licht der deutschen Öffentlichkeit gesehen. Was eine ziemliche Schande ist.

 Vor über zehn Jahren hat Iannucci mit einer Fake-Nachrichtensendung “The Day Today” begonnen – in der er und seine Mitstreiter das Infotainment ziemlich auf die Schüppe genommen hat. So entstand auch die Figur Alan Partridge, die Steve Coogan in Großbritannien Unsterblichkeitsstatus sicherte. Man stelle sich Hape Kerkelings Horst Schlämmer vor, nur dass dieser Alan Partridge sich selbst furchtbar erst nimmt und denkt, er sei das Beste, was Journalismus je vorgebracht hat. Hoher Anteil von Fremdscham ist beim Zuschauen von Alan Partridge angesagt.

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Und Iannucci hat diese Figur miterfunden. Nach “The Day Today”hat er seine eigene Show gemacht, die nicht so wahnsinnig angekommen ist, trotzdem auch ihre Highlights hat. Und dann kam er auf die geniale Idee, eine Show dreißig Jahre in die Zukunft zu schaffen, in der die ganzen peinlichen Reality-Stars und Möchtegern-Schauspieler von heute in die Vergangenheit blicken. Auf Deutschland übertragen, würde das bedeuten, dass eine fünfmal geliftete Verona Pooth oder ein fetter Daniel Küblböck über die guten alten Zeiten plaudern. Hat ziemliches Potential, wie ich finde.

Aber dann kam Iannuccis Meisterwerk – The Thick of It. Eine der besten Serien unter dieser Sonne. Gedreht im Dokumentarstil ohne Musik und mit wackelnden Handkameras folgte die erste Staffel dem Minister für Social Affairs und seinen torfnasigen Beratern. Iannuccis Mittel ist hier wie immer auch die Fremdscham – und es zieht sich auch alles zusammen, wenn  man zuschauen muss, wie der Minister von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpert. Und dabei immer von Malcolm Tucker verfolgt wird.

Dieser Malcolm Tucker ist wahrscheinlich an Alastair Campbell angelehnt, der Mann fürs Grobe beim damaligen Premierminister Tony Blair. Tucker macht Hackfleisch aus jedem, der dem Ansehen der Regierung schadet und nicht so spurt, wie es der Premierminister wünscht – oder besser noch – wie es Tucker möchte. Denn eigentlich regiert Tucker hier -keine Frage. So zeigt auch die erste Szene von „The Thick of It“ wie er einem Minister seinen Rücktritt nahelegt – und zwar so bedrohlich, dass dem Armen gar nicht übrig bleibt, als seinen Rauswurf noch zu rechtfertigen.

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Peter Capaldi spielt diesen politischen Soziopathen so überzeugend, dass selbst seine Schauspielerkollegen richtig Angst vor ihm bekommen. „In einem Moment bist du mein Freund Peter, und dann wirst du zu diesem furchterregenden Monster“, beklagt sich einer von ihnen im DVD-Kommentar. Und man kann ihm nur zustimmen. Im richtigen Leben möchte man unter so einem nie arbeiten wollen – und falls der Alastair-Campbell-Vergleich nur in Winzportionen stimmt, kann man die Leute, die in Downing Street gearbeitet haben, nur bedauern. Aber zuschauen macht schon einen Heidenspaß – denn Tucker kann fluchen. Einfach großartig. Und alles im schönsten schottischen Akzent. Das wird wahrscheinlich auch der Grund sein, warum die Serie nie nach Deutschland kommen wird – wie kann man diese wunderbaren Flüche je übersetzen.

Von den vier Schreibern, die für „The Thick of It“ verantwortlich sind, ist einer nur dafür da, die Sprache „aufzufluchen“. Ist auch ein toller Job – Was machst du so beruflich? Och, ich schreibe Flüche für „The Thick of It“.

Es gibt mittlerweile eine Staffel der Serie – und zwei Specials, wobei die Specials noch viel besser sind. Denn da geht es um „The Rise of the Nutters“. Und da imitiert die Kunst das Leben oder auch wieder umgekehrt, wenn man an die Turbulenzen der jetzigen Labour-Regierung um Brown denkt.

In den Specials ist der Premier kurz vor dem Rücktritt und nun scharren die Nachfolger mit den Füßen. Die Nachfolger sind in diesem Fall die „Nutter“, wenig freundlich als die Idioten bezeichnet und als Gordon Browns Leute leicht zu identifizieren. Das Personal von „The Thick of It“ ist aber allesamt auf Blairs Seite, möchte aber trotzdem noch einen Job nach der Übergabe haben – und so wird dann fröhlich opportuniert. Und Malcom Tucker mittenmang. Er will ja schließlich auch der Spin-Doctor des neuen Premierminister bleiben. Und lässt deshalb alle routieren, was eine Wonne ist, denn Himmel, sind diese Typen alle dünn angerührt, so besoffen von ihrer eigenen Wichtigkeit und kriegen natürlich nix gebacken. Was wahrscheinlich ziemlich authentisch ist. Und was wiederum ziemlich beängstigend ist. Man möchte doch von klugen Menschen regiert werden.

 

Im zweiten Teil läuft dann auch mein Liebling zu größter Form auf – Jamie (Paul Higgins).  Jamie ist Tuckers Nummer Zwei und schafft es, noch mal eine Schüppe Durchgeknalltheit und Rabiatheit draufzulegen. Malcolm Tucker ist ja schon ein Soziopath der Extraklasse, aber Jamie übertrumpft ihn dabei – was man kaum für möglich hält.

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Jamie ist natürlich auch Schotte, denn Tucker würde keine verweichlichte englische Nummer Zwei unter sich dulden. Er walzt durch die Ministerien und hinterlässt eine Spur des Terrors – denn er nimmt diese arroganten Ministerialbeamten natürlich auch nicht ernst. Und er hasst die „Nutter“. Und will alles tun, um einen „Nutter“-Premier zu verhindern. Herrlich.

 

Allein für diese Serie hat Iannucci sich seinen Platz an der Sonne schon verdient. Aber er hat noch einen drauf gesetzt und einen Film geschrieben: „In The Loop“. Im Stil von „The Thick of It“ inszeniert, handelt der Film von den Vorbereitungen zu einem fiktiven Krieg im Nahen Osten – sprich Irak-Krieg. Einzig die Figuren Malcolm Tucker und Jamie sind geblieben –sonst haben sämtliche Schauspieler von „The Thick of It“ andere Rollen, was ein wenig verwirrend ist, aber auch nicht zu sehr stört.

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„In the Loop“ handelt wie gesagt von den Vorbereitungen zum Krieg. Noch hat sich Großbritannien nicht direkt für einen Krieg ausgesprochen, und so kommt die Bemerkung des Ministers für internationale Angelegenheiten, dass ein Krieg „unvorhersehbar“ sei, nicht gerade gut an. Der arme Kerl gerät in die Tucker-Mühle, wird aber trotzdem nach Washington geschickt. Dort, überwältigt von der US-Macht, gerät er zwischen die Fronten von Kriegsbefürwortern und – gegnern. James Gandolfini – Tony Soprano! – spielt einen General, der nicht in den Krieg ziehen möchte, aber eigentlich auch nicht viel dagegen unternimmt – und damit auch zu einer typischen Iannucci-Figur wird.

Die Menschen in der Iannucci-Welt sind nämlich allesamt nicht gerade liebenswert und wirken deshalb wohl auch so authentisch.  Ich bin so gespannt, wie der Film in den Staaten ankommen wird,  denn dort wird ja genau das Gegenteil propagiert. „West Wing“, die großartige US-Serie, die einen Blick ins Weiße Haus geworfen hat und einen aufrechten, liberalen Präsidenten mit seinen hart arbeitenden loyalen Mitarbeitern gezeigt hat, ist genau das Gegenteil von „The Thick of It“. Denn beim britischen Counterpart ist ja niemand loyal, alle denken nur an sich und von harter Arbeit sind diese Herren und Damen weit entfernt.

Ganz entgegen dem britischen Trend, Fans immer nur mit zwei Staffeln abzuspeisen, wird es im Herbst eine dritte Staffel geben. Das ist schon ein Grund, um auf den Tischen zu tanzen. Und hier kommt Meister Iannucci mal selbst zu Wort - ist der Herr mit den wenigen Haaren und dem leichten - oh Wunder - schottischen Akzent:

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„The Thick of It“ gibt es auf DVD – und wird hier – was für eine Überraschung - wärmstens empfohlen.