07. Oktober 2009 ››› Abgelegt unter Other Stuff

Eine Messe mit Mark Eitzel

„It will be fucking disaster.“ Aber nein, Herr Eitzel, wird es nicht.  Sondern eines der Konzerte der schönsten Art. Welche man nie vergisst. Warum Mark Eitzel, Sänger von American Music Club, so ein unverbesserlicher Pessimist ist, weiß der Himmel. Wir sind hier in einer schönen Kirche mitten in London, die Akustik ist super, das Publikum betet ihn an – warum sollte der Abend eine Katastrophe werden?

Aber vielleicht ist es auch eine Art Beschwörung – wenn man sagt, dass es schlimm wird, kann es vielleicht gar nicht so furchtbar werden Man muss allerdings wissen, dass Herr Eitzel dazu neigt, Konzerte vorzeitig zu beenden, weil irgendjemand was Doofes gerufen hat oder das Publikum zu früh geklatscht hat. Ist schon eine kleine Mimose, der Herr. Aber singen kann er.  Mit einer Inbrunst. Und das kommt gut in dieser Kirche.

Eitzel  ist solo unterwegs, hat gerade sein Album Klamath veröffentlicht und wird nur von einem Pianisten begleitet. Er singt ein paar AMC-Hits – wenn man das mal so nennen kann – so wahnsinnig viele Platten hat die Band ja leider nicht verkauft. Haben sich auch gerne mal selbst im Weg gestanden. Sei’s drum – Eitzel hat seine Fans – mehr männliche mit scheuem Blick, wenn ich mir das Publikum mal genauer anschaue.

Sie sind Zeuge, wie ihr Held  gegen die Kirche und Glauben ätzt, flucht,  von schlimmen Geschlechtskrankheiten erzählt und sich auf den Pfarrersstuhl fläzt und die Bibel wegwischt, während er  von  anderen traurigen Gestalten singt. Und die traurigste Gestalt soll natürlich Herr Eitzel selbst sein. Er mag ja häufig das graue Tier zu Besuch haben, aber heute, ausgerechnet in einer Kirche, hat er Spaß. Und wir mit ihm.  Am Ende hält er am Ausgang wie ein Pfarrer Audienz, schüttelt Hände, umarmt und strahlt um die Wette mit seinen Fans. Ein „fucking Disaster“ sieht anders aus. Zum Glück.

05. Oktober 2009 ››› Abgelegt unter Brit-Stuff

Begegnung mit der seltenen Art: Der wolllustige Kakapo

Der viel zu früh verstorbene Autor Douglas Adams hat vor 20 Jahren eines der schönsten Bücher überhaupt geschrieben - “Die Letzten ihrer Art“. Zusammen mit einem Zoologen hat er damals Tiere auf der ganzen Welt besucht, die es wohl nicht mehr lange geben wird. Unter anderem der neuseeländische Kakapo, ein fetter Papagei, der vergessen hat, wie man fliegt. Und, wie Adams noch schöner beschreibt, manchmal vergisst, dass er vergessen hat, wie man fliegt und vom Baum plumpst.

Stephen Fry wandelt nun für die BBC-Serie “Last Chance to See” auf den Spuren von Adams und schaut nach, ob es die damals beschriebenen  bedrohten Arten noch gibt. Natürlich hat er auch den fetten Kakapo besucht. Dank vieler freiwilliger Helfer hat es dieses Wesen geschafft, am Leben zu bleiben. Aber es gibt immer noch zu wenige,  und so nimmt ein Kakapo für den Geschlechtsakt alles was ihm so unter den großen Schnabel gerät:

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04. Oktober 2009 ››› Abgelegt unter Brit-Stuff

Die Dame mit Eis im Blick: “The September Issue”

Im Laufe der Jahre bin ich immer weniger modemuffelig geworden - durch den Einfluss von Freundinnen kenne ich jetzt die Namen von Designer und schau hin, was getragen wird. So sagt mir der Name Anna Wintour auch etwas. Will man der Welt glauben, so ist die Chefredakteurin der amerikanischen Vogue die einflussreichste Frau in Sachen Mode. Und will man dem Film “Der Teufel trägt Prada” glauben, ist die Gute niemand, unter der man arbeiten möchte.

In “September Issue” verfolgt eine Kamera Mrs. Wintour und ihre Mitarbeiterinnen ein halbes Jahr, bevor im Herbst die wichtigste Ausgabe von Vogue erscheint. September ist für Modefans der Januar - heißt es jedenfalls im Film. Dann sind sämtliche Koordinaten gesetzt, wie man sich für das kommende Jahr zu kleiden hat. 

Wie gesagt, Mode ist nicht unbedingt meine Welt, aber “The September Issue” hat mich doch schwer fasziniert - so wie mich Filme aus Kriegsgebiete faszinieren - dort will man einfach nicht sein. Diese ausgemergelten Damen, dieser schlimme katzbuckelnde Creative Director, der zu allem Ja und Amen sagt, was Frau Wintour sagt. Aber jeder Film braucht einen Helden. Und “September Issue” hat diese Lichtgestalt in Grace Coddington. Sie ist die Stylistin von Vogue. Seit zwanzig Jahren arbeitet sie mit Anna Wintour. Und sie ist auch die Einzige, die ihr ohne Angst im Blick begegnet.

Alle anderen scheinen beim Anblick der Chefredakteurin zu schrumpfen. Nicht so Coddington - sie ist sauer, wenn ihre großartigen Bilder abgelehnt werden. Außerdem scheint sie ihre Mittel zu haben, dann doch das zu bekommen, was sie will. Denn am Ende sind fast alle Sachen, die sie produziert hat, auf wundersame Weise wieder im Heft. Darüber wird dann aber kein Wort verloren. Muss ja auch nicht sein.  Sonst würde Frau Wintour ihren Schrecken verlieren. Noch hat “The September Issue” keinen Starttermin in Deutschland bekommen. Aber ich hoffe doch schwer, das dies passiert, denn die Dokumentation hat einen hohen Unterhaltungswert. Auch wenn man, wie ich,  nicht weiß, dass Federn ein Top-Accessoire sind.

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02. Oktober 2009 ››› Abgelegt unter Brit-Stuff

Von “The Boat That Rocked” zu “Pirate Radio”

Der arme Richard Curtis, sonst erfolgsverwöhnt, musste mit seinem “The Boat That Rocked” ganz schön viel Haue einstecken. Ja, der Film war zu lang, aber immer noch sehr unterhaltsam. Mit dieser Meinung stehe ich allerdings ziemlich allein da. Der Film floppte in Großbritannien gewaltig. Um noch was für den wichtigen US-Markt zu retten, wurde der Film gekürzt und das Marketing setzt nun auf den amerikanischen DJ in Gestalt von Philip Seymour Hoffman, der das Priatenradioboot retten muss. Ein Ami zeigt es den Briten. Das stimmt zwar nur zu einem Bruchteil, aber wenn es die Zuschauer in die Kinos treibt, ist wohl alles recht.

Ein und derselbe Film, nur ganz anders - immer wieder interessant, wie Marketing die Dinge verpacken kann. Hier das Original:

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und nun der schmissige US-Trailer
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01. Oktober 2009 ››› Abgelegt unter Brit-Stuff

Herr Hornby kann es noch: “Juliet, Naked”

Ich hatte Nick Hornby eigentlich schon abgeschrieben. Zu selbstgefällig kam er mir in „31 Songs“ daher. „Seht, was ich alles Tolles über Musik weiß, und wie großartig mein Musikgeschmack ist.” Nee, den wollte ich nicht mehr lesen. Aber jeder verdient eine zweite Chance. Und mit „Juliet, Naked“ hat mich Herr Hornby auch wieder. Auch hier geht es wieder um Musik. Aber auch um Liebe. Und wie wir so durchs Leben gehen.

In „Juliet, Naked“ verehrt Duncan den amerikanischen Songwriter Tucker Crowe. Dieser Crowe hat nach einem Auftritt in den 80er Jahren den Abgang gemacht und ward nicht mehr gesehen. Na ja, diverse Fans meinen ihn noch erblickt zu haben, aber seit über 25 Jahren hat der Junge keine Musik mehr gemacht. Und so können seine meist männlichen Verehrer jeden Ton, jede Zeile, die er geschrieben hat, sezieren, denn es gibt ja nicht viel. Bis die Plattenfirma auf die Idee kommt, Demoaufnahmen von seinem Meisterwerk „Juliet“ zu veröffentlichen. Da Duncan, dank Internet, in der Szene als Ober-Croweianer bekannt ist, bekommt er ein erstes Exemplar geschickt.

Nur gerät dieses in die Finger von seiner Freundin Annie. Seit 15 Jahren erduldet sie diese Crowe-Besessenheit schon, reiste sogar mit Duncan in die USA, um sich eine Toilette anzuschauen, auf die der Sänger wohl gehockt hat. Nun hat sie also das neue Album in die Finger bekommen und hört es, bevor Duncan die Gelegenheit bekommt. Eine Dreistigkeit! Die noch schlimmer dadurch wird, dass sie die Songs auch noch ziemlich langweilig findet und diese Meinung dann auch noch auf der Crowe-Fansite ihres Freundes kundtut. So eine Frau kann man nicht mehr lieben!

 

Aber das kommt Annie gerade recht, denn sie hat schon längst die Nase voll von Duncan, hat sich aber nicht getraut, aus dieser Gewohnheitsbeziehung auszubrechen.  Nun ist sie wieder Single – nach 15 Jahren. Und fragt sich, ob sie ihr Dasein an der Seite eines Über-Fans nicht verschwendet hat. In diesen Überlegungen schneit plötzlich eine Mail von Tucker Crowe herein. Genau, DER Tucker Crowe. Der Gute lebt seit über 25 Jahren in Ruhe auf dem Lande, hat diverse Kinder mit diversen Frauen gehabt und findet dieses „Juliet, Naked“ auch nicht prickelnd. Zwischen Annie und ihm entwickelt sich eine intensive Mailfreundschaft – wenn das Duncan wüsste…

 

Nick Hornby hat schon mal netter über Musikfreaks geschrieben. In „High Fidelity“ war Musikbesessenheit  noch eine Tugend. In „Juliet, Naked“ hat er zwar immer noch Verständnis für das Fan-Dasein, aber es hält doch manchmal  ganz schön vom Leben ab.  So wirkt Duncan wie ein armer Tor. Der verehrte Musiker kommt allerdings auch nicht wie der strahlende Held daher. Was ja nur konsequent ist, schließlich kochen die Damen und Herren, die uns mit ihrer Musik erfreuen, auch nur mit Wasser. Okay, manchmal lassen sie kochen, aber Hornby zeigt auch, wie irrsinnig diese Verklärung von Idolen sein kann. Meinen Dylan-Schrein sollte ich wohl mal abbauen. Auch wenn er natürlich der Meister bleibt. Also, „Juliet, Naked“ sei allen Menschen, die mehr als 20 CDs ihr Eigen nennen, wärmstens empfohlen.