30. November 2009 ››› Abgelegt unter Brit-Stuff

Morrissey auf der Insel

Radio 4 ist das Intellektuellen-Radio von BBC. Okay, es gibt so verschrobene Sendungen wie Gardener’s Hour, nicht wahnsinnig anspruchsvoll, aber auf merkwürdige Art sehr unterhaltsam, denn die Briten lieben ihre Gärten. Aber zurück zu Radio 4. Es gibt eine Sendung, die heißt „Desert Island Discs“ – und da ziehen die ansonst so zurückhaltenden Briten ihre Hosen aus. Metaphorisch meine ich – eher einen Seelenstriptease. Und das funktioniert so: Die interviewte Person muss acht Musikstücke auswählen, die ihr Leben bestimmt hat. Und Kirsty Young, die die Fragen stellt, macht dies sehr gut.

Die Sendung gibt es schon seit hundert Jahren und ihre Wirkung ist bekannt. Zu ihr eingeladen zu werden ist fast schon ein Ritterschlag.  Und diesen Sonntag war es kein anderer als Morrissey. Den mag man ja meistens nicht interviewen, weil er gerne das Gespräch an sich reißt und keine Frage richtig beantwortet. Aber Kirsty Young hat sich tapfer geschlagen. Obwohl sie sich als Smiths-Fan geoutet hatte. Das hat Herrn Morrissey wohl gefallen. Und hat ein bissken von sich preisgegeben. Dass er mit sechs auf den Tisch gestanden hat und Marianne Faithful gesungen hat. Oder dass die Mama eine ganz Tolle ist – ein Individuum.

Sonst hat sich Morrissey mal wieder als der einsame Outsider inszeniert. Niemand sei wie er damals in der Popwelt gewesen – das kann man ja unterschreiben. Er sei ein Einzelner, abgeschnitten von der Welt.  Am Ende von „Desert Island Discs“ wird man nämlich auf eine einsame Insel geschickt – „Ich kann es  kaum abwarten“ war Morrisseys Antwort. Aber ein Bett hätte er gerne. Er möchte es zumindest bequem in seinem Einsiedlerei haben – das kann ich wiederum verstehen.

Wie gesagt, am Sonntag wurde die Sendung ausgestrahlt – und Britannien spricht immer noch davon – Radio 4  bewirbt unermüdlich den Podcast, und der Guardian nimmt jede Antwort des Meisters auseinander. BBC Music hatte es sogar in den Nachrichten. Und dafür liebe ich dieses Land. Dass sie Musik und seine Macher so verdammt ernst nehmen.

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30. November 2009 ››› Abgelegt unter Brit-Stuff

Clooney auf der Tanzfläche

Eine Lieblingsthese von mir wurde mal wieder im Film bestätigt – schöne Männer, die nicht tanzen können, verlieren an Attraktivität, während die nicht so hübschen Herren mit großartigem Hüftschwung das Auge erfreuen. George Clooney tanzt in „Men Who Stare At Goats“. Muss ich mehr schreiben?

Der Film ist ja ein Guckschatz-Gipfeltreffen: Neben Clooney tauchen Jeff Bridges, Ewan McGregor und Kevin Spacey auf. Und wenn sie alle aufeinander treffen, ist es ein wahres Fest.  „The Men, Who Stare at Goats“ beschreibt die „wahren“ Versuche der US-Armee ins Paranormale. McGregor spielt einen Journalisten, der durch Zufall auf einen Ex-Soldaten (Clooney) trifft, der außergewöhnliche Fähigkeiten besitzt und nun im Irak in geheimer Mission unterwegs ist. Er erzählt McGregor, wie er von Ober-Hippie Bridges zu diesem Super-Soldaten ausgebildet wurde und dann Spacey sein gefährlichster Feind wurde. Ganz besonders fein wird es, wenn Clooney dem erstaunten McGregor von seinen Jedi-Fähigkeiten berichtet und der nur ein Fragezeichen im Gesicht hat. Das ist einer der Insider-Witze, die das Herz erfreuen –schließlich war McGregor in drei schlimmen Star-Wars-Film als Ober-Jedi Obi-Wan unterwegs.

„The Men, Who Stare At Goats“ ist nicht unbedingt ein Volltreffer, hat aber einige sehr schöne Szenen. Und die Offenbarung, dass man Herrn Clooney nicht unbedingt auf der Tanzfläche sehen muss. Spacey ist da eine ganz andere Nummer – der hat mal in einem Video von Dave Stewart eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt – kein Mann mit blockierter Hüfte wie Smartie Clooney. Haben wir wieder was gelernt.

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27. November 2009 ››› Abgelegt unter Brit-Stuff

Promi-Sichtung

In London laufen einem ja ständig Menschen über den Weg, die man aus Funk und Fernsehen kennt. Bei „Cock“, einem Stück mit Ben Whishaw, saß mir Simon Russell Beale gegenüber – und ich musste ständig äugen, wie er reagiert. Ich gehöre ja zu den Menschen, die nicht zugeben wollen, dass sie einen Prominenten erkannt haben, was die Sache ja noch peinlicher macht.

Denn sie sehen es an meinem Gesicht, dass ich sie erkannt habe. Die ganze Ignorier-Nummer, die dann folgt, könnte ich mir ersparen, denn natürlich äuge ich ab und zu – wie all die anderen, die dies ohne viel Versteckspiel machen und sich die Augen ausschauen, wenn ein Promi das Café betritt. Egal, mich freut es jedenfalls immer, wenn einer meiner Schauspielhelden an mir vorbeispaziert. Wie die tollen Parks oder die großartige Architektur verschönert es mir die Stadt.

25. November 2009 ››› Abgelegt unter Other Stuff

Ein züchtiges Dorf: “Das weiße Band”

Einen deutschen Film in London zu sehen, ist immer was Besonderes. Man braucht sich nicht um die Untertitel zu kümmern und es ist immer interessant zu sehen, ob die Briten einige Anspielungen auch verstehen. Bei „Inglorious Basterds“ wusste ich sofort, dass Michael Fassbender die falsche Fingersprache benutzt.

Bei Michael Hanekes „Das weiße Band“ nutzte es aber kaum, deutsch zu sein, denn wir haben uns alle gegruselt - da brauchte es keine Anspielungen.  Der Film spielt 1913 in einem norddeutschen Dorf, wo der Gutsherr  über alle herrscht und der Pastor die uneingeschränkte Autoritätsfigur ist. Haneke hat den Film in schwarz-weiß gedreht und auf Musik verzichtet. Das macht ihn noch intensiver. Denn – Himmel – in diesem Dorf möchte man nicht leben. Hier wird gezüchtigt und Unzucht getrieben. Eltern terrorisieren ihre Kinder – und die finden ihren Weg der Rache. So scheint es jedenfalls. Hier wird geschlagen, aber auch verbal gehauen. Der Doktor demütigt seine Haushälterin, mit der er seit Jahren eine Affäre hat „Du widerst mich an. Warum stirbst du nicht einfach?

Die Kinder müssen gehorchen „Herr Vater“ hier und „Herr Vater“ dort. In diesem unfreien Klima passieren dann auch die schlimmsten Sachen – Kinder werden halbtot geschlagen, Scheunen gehen in Flammen auf und Pferde werden bewusst zu Fall gebracht. Derjenige, der dies alles erzählt, ist der Lehrer im Ort. Nicht gerade der Hellste, aber zumindest begreift er, was hier passiert. Aber Nutzen bringt es auch nicht.

„Das weiße Band“ ist einer jener Filme, deren Bilder noch lange im Gedächtnis bleiben. Und die Blagen sind wirklich unheimlich. Gut vorstellbar, wie sie zwanzig Jahre später in Nazi-Uniform aussehen könnten. Aber das ist nur Spekulation. Haneke ist ja nie an Aufklärung von Verbrechen interessiert – eher an der Stimmung, die sie verbreiten. Keine schöne, wenn ich mal so sagen darf. Trotzdem und wahrscheinlich auch gerade deshalb gehört „Das weiße Band“ zu den besten Filmen, die dieses Jahr gesehen hat.

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23. November 2009 ››› Abgelegt unter Brit-Stuff, Other Stuff

Einfache Twilight-Welt

In der Twilight-Welt der Stephenie Meyer teilen sich die jungen Herren in drei Gruppen auf – da sind zum einen die Idioten - die normalen Jungs, dann gibt es die rätselhaften, höflichen und romantischen Buben – die Vampire und dann trifft man auf die wilden Raufer, gerne mal oben ohne im optisch ansprechenden Sixpack unterwegs – die Werwölfe. Das ist eine recht übersichtliche Welt, in der sich ein junges Mädchen gut zurechtfindet. Ein nicht mehr ganz so junges Mädchen mag dies ein bissken lahm finden, aber sie ist schließlich auch nicht mehr die Zielgruppe für „New Moon“. Damit muss ich nun leben. Und der traurigen Tatsache, dass der von mir sehr verehrte Michael Sheen als Ober-Vampir nur einen sehr kurzen Auftritt hat.

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17. November 2009 ››› Abgelegt unter Brit-Stuff

Die Macht der Poesie: Ben Whishaw in “Bright Star”

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Ein neuer Guckschatz ist da: Ben Whishaw. Es hat geholfen, dass er in „Bright Star“ den faszinierenden Poeten John Keats gespielt hat. Ich weiß, wer John Keats war, könnte jetzt aber auch nicht gleich mit einem Gedicht loslegen. Wenn ich es recht bedenke, kann ich es mit kaum einem Dichter, immer nur ein paar Zeilen und das war’s. Schlimm. Würde gerne mit fernem Blicke „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“ oder was auch immer deklamieren. Aber ich kann es nicht. Doch zurück zu Whishaw. Es spielt wie gesagt John Keats in Jane Campions „Bright Star. Jene Jane Campion, die vor zig Jahren für das wunderschöne „Das Piano“ in die Welt warf und dafür einen Oscar bekam. Jener Film, den Männer meistens hassen und Frauen meistens lieben.  

 

Auch „Bright Star“ wird nicht unbedingt ein männliches Publikum haben. Sei’s drum. Er erzählt in wunderschönen Bildern – fast jedes Bild ist ein Gemälde (das kann sie wirklich gut, die Frau Campion) – von der Liebesgeschichte zwischen Fanny Brawne und John Keats. Und nur die Tatsache, dass Whishaw so außerordentlich entzückend ist, hat mich bislang davon abgehalten, ein Hohelied auf Abbie  Cornish zu singen. Sie spielt diese Fanny mit einer umwerfenden Sturheit, weit entfernt von den leidenden Damen, die man sonst aus Kostümdramen kennt. Ja, dieser Keats hat kein Geld, aber egal – den will sie haben. Von so einer Bestimmtheit lässt sich auch eine zarte Dichterseele gefangen nehmen. Sehr zum Unbehagen seines Kumpels Charles Armitage Brown (Paul Schneider), der,  von Eifersucht geschüttelt, giftige Salven auf Fanny loslässt. Aber das lässt sie nur sturer an ihrem Objekt der Begierde festhalten. Auch wenn dieser sterbenskrank ist.

„Bright Star“ stürzt sich verschwenderisch ins Gefühl. Wunderschöne Farben bestimmen das Geschehen. Und dann natürlich die Poesie von John Keats. Die schönsten Liebesgedichte hat er der Welt geschenkt. Ben Whishaw rezitiert eines im Abspann. So wunderbar, dass man im Sitz kleben bleibt und ein Plätzchen im Guckschatz-Himmel für ihn reserviert.

15. November 2009 ››› Abgelegt unter Brit-Stuff

“Doctor Who” ohne mich

Ich hab die drittletzte Folge von “Doctor Who” mit David Tennant verpasst! Hab das digitale Fernsehen in der Bude nicht zum Laufen gebracht, und Virgin war noch nicht so nett und hat Broadband installiert. „Doctor Who“ schaut man daheim und nicht in irgendeinem zugigen Internet-Café, um gleich einen Vorschlag abzuwürgen. Mir bleibt also nix anderes übrig, als auf die DVD zu warten. Und keine Kritiken zu lesen. David Tennant war am Samstag auf BBC 6 zu hören, hat das übliche Blabla abgeliefert – die arme Sau, immer die gleichen Fragen. Dann wurde sein Musikwunsch gespielt – die Proclaimers! Seufz. Guckschätze könnten auch mal besseren Geschmack entwickeln.

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10. November 2009 ››› Abgelegt unter Brit-Stuff

Erquickend: “An Education”

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Ich habe ja schon das Hohelied von Carey Mulligan gesungen. Und ich darf sie weiter preisen, denn ich habe „An Education“ gesehen. Mulligan spielt hier die clevere, aber noch sehr naive 16jährige Jenny, die von einem älteren Mann verführt wird und dabei ihre Ausbildung vergisst. „An Education“ basiert auf den Memoiren der britischen Journalistin Lynn  Barber. Das Drehbuch zum Film hat kein anderer als der britische Bestseller-Autor Nick Hornby („High Fidelity“, „About A Boy“) geschrieben. Das hat er gut gemacht. Das Ganze wird von der dänischen Regisseurin Lone Scherfig in Szene gesetzt. Scherfig, vormals Mitglied der Dogma-Bewegung, hat uns so schöne Filme wie „Italienisch für Anfänger“ und „Wilbur wants to kill himself“ geschenkt.  Jetzt darf sie auch „An Education“ in diese Reihe herzerwärmender Filme einfügen.

Wir schreiben das Jahr 1961 – London ist kurz davor, das „Swinging London“ zu werden, aber davon ahnt die junge Jenny nichts. Sie will nach Oxford, um dort Englisch zu studieren. Ihr Vater (großartig: Alfred Molina) schrecken zwar die Kosten, aber auch er möchte, dass aus seiner Tochter was wird. Aber was genau soll aus ihr werden?

Diese Frage stellt sich nämlich als Jenny der ältere und überaus charmante David (Peter Sarsgaard) über den Weg läuft. Er entführt sie in die Welt der Champagner-Cocktails, falschen Wimpern und Jazz-Clubs. Das ist natürlich viel aufregender als Latein-Vokabeln zu pauken. Besonders wenn man gerade erst 17 geworden ist und das Leben sich gerne mal in schwarz und weiß malt. Und die Eltern machen ja auch noch mit. Sind begeistert von diesem charmanten Herren, der sie glauben lässt, dass er ihre Tochter in höchste akademische Kreise einführen kann, lassen sie sogar mit ihm nach Paris fahren. Das ist natürlich alles zu gut, um wahr zu sein.

 

Und das ist natürlich auch alles schon erzählt worden. Die Verführung der Unschuld. Aber es ist sehr charmant erzählt, mit viel britischem Humor und Understatement sowie einer hinreißenden Hauptdarstellerin. Carey Mulligan ist 24 und sie schafft sich sehr überzeugend in die Psyche eines Teenagers hinein. Wie sie versucht, erwachsen zu wirken und gleichzeitig ihre Begeisterung über die Glamourwelt kaum verbergen kann. Ganz entzückend.  Außerdem hätte sich wohl jedes Mädchen in diesen weltgewandten Peter Sarsgaard verliebt. An seiner Seite schillern Rosamund Pike und Dominic Cooper als hedonistisches Paar. Pike spielt den Prototyp der dummen Blondine – „Keine Sorge, Jenny, wenn es mit deinem Latein nicht klappt. Ich hab gehört, dass Latein in fünfzig Jahren nicht mehr gesprochen wird, noch nicht einmal von Latinos.“

 „An Education“ kommt auch in die deutschen Kinos – hurra! Allerdings erst am 18. Februar. Ich werde daran erinnern.