Radio 4 ist das Intellektuellen-Radio von BBC. Okay, es gibt so verschrobene Sendungen wie Gardener’s Hour, nicht wahnsinnig anspruchsvoll, aber auf merkwürdige Art sehr unterhaltsam, denn die Briten lieben ihre Gärten. Aber zurück zu Radio 4. Es gibt eine Sendung, die heißt „Desert Island Discs“ – und da ziehen die ansonst so zurückhaltenden Briten ihre Hosen aus. Metaphorisch meine ich – eher einen Seelenstriptease. Und das funktioniert so: Die interviewte Person muss acht Musikstücke auswählen, die ihr Leben bestimmt hat. Und Kirsty Young, die die Fragen stellt, macht dies sehr gut.
Die Sendung gibt es schon seit hundert Jahren und ihre Wirkung ist bekannt. Zu ihr eingeladen zu werden ist fast schon ein Ritterschlag. Und diesen Sonntag war es kein anderer als Morrissey. Den mag man ja meistens nicht interviewen, weil er gerne das Gespräch an sich reißt und keine Frage richtig beantwortet. Aber Kirsty Young hat sich tapfer geschlagen. Obwohl sie sich als Smiths-Fan geoutet hatte. Das hat Herrn Morrissey wohl gefallen. Und hat ein bissken von sich preisgegeben. Dass er mit sechs auf den Tisch gestanden hat und Marianne Faithful gesungen hat. Oder dass die Mama eine ganz Tolle ist – ein Individuum.
Sonst hat sich Morrissey mal wieder als der einsame Outsider inszeniert. Niemand sei wie er damals in der Popwelt gewesen – das kann man ja unterschreiben. Er sei ein Einzelner, abgeschnitten von der Welt. Am Ende von „Desert Island Discs“ wird man nämlich auf eine einsame Insel geschickt – „Ich kann es kaum abwarten“ war Morrisseys Antwort. Aber ein Bett hätte er gerne. Er möchte es zumindest bequem in seinem Einsiedlerei haben – das kann ich wiederum verstehen.
Wie gesagt, am Sonntag wurde die Sendung ausgestrahlt – und Britannien spricht immer noch davon – Radio 4 bewirbt unermüdlich den Podcast, und der Guardian nimmt jede Antwort des Meisters auseinander. BBC Music hatte es sogar in den Nachrichten. Und dafür liebe ich dieses Land. Dass sie Musik und seine Macher so verdammt ernst nehmen.