Meine Schauspielhelden haben die Tendenz, krank zu werden, wenn ich sie sehen möchte. Es ist immer noch eine offene Wunde, dass ich David Tennant nicht als Hamlet sehen durfte. Deshalb war ich vergangene Woche auch mächtig unruhig, ob es Michael Sheen schaffen würde, den dänischen Prinz zu geben. Und hurra, kein Problem. Das Young Vic hatte sich bei der Inszenierung etwas einfallen lassen - die Zuschauer wurden durch den Hintereingang geführt und der Backstagebereich war als Nervenheilanstalt ausgestattet. Was Sinn ergab, denn Hamlet neigt ja ein wenig zu Hysterie.
Das Young Vic ist nicht so riesig wie das Old Vic, eher klein und etwas abgetakelt, aber dafür hat man wunderbar freie Sicht auf die Akteure. Und es gab viel zu sehen - Michael Sheen hat vibriert. Er ist ja ein Guter. Ich wollte ihn schon seit Jahren mal auf der Bühne erleben und konnte es gar nicht fassen, dass er ausgerechnet Hamlet spielen würde. Am Anfang war sein Charakter noch sehr freundlich - da hab ich schon andere Hamlets gesehen, die gleich von Anfang an Gift und Galle spuckten. Aber Sheens Prinz steigerte sich im Laufe des Stückes richtig schön hinein. Es war großartig. Das sind Momente, wo ich weiß, dass es keinen besseren Ort als London gibt. Nirgendwo kann man so gutes Theater sehen.
Sie waren alle gut - Vinette Robinson war eine sehr überzeugende Ophelia. Und alles in diesem Raum, der unheimlich an “Einer flog über’s Kuckucksnest” erinnerte, fast meinte man, dass Jack Nicholson um die Ecke kommen müsse. Es war ein frischer Ansatz, nicht zu modern, was gut ist, denn ich möchte meine Klassiker schon noch erkennen. Die Musik wurde von P.J. Harvey komponiert, was schon zeigt, wie cool das Ganze war.
Michael Sheen rauschte in der Theaterbar so schnell an mir vorbei, dass ich gar keine Gelegenheit hatte, ihn mir zu greifen und ihn mit Lob zu überschütten. Ist vielleicht auch besser so.