Wenn es einen Vorsatzt für 2012 gibt - neben den üblichen ‘Ich will nie wieder so viel Schokolade essen’-Vorsätzen, dann dieser, dass ich diesen schönen Blog mehr befüllen möchte. Das normale Leben kommt mir immer dazwischen, die häusliche Idylle und natürlich die Arbeit - Miete und Rechnungen wollen schließlich bezahlt werden.
Heute ist der letzte Tag des Jahres 2011 und da steht die Liste an, die ich seit Jahrzehnten mache, mal in meinem Kopf und oft genug für die virtuelle Welt. Dieses Jahr wird es ziemlich skandinavisch und da hinke ich dem Trend in Deutschland ziemlich hinterher.
Beste Serie
Das dürfte ‘The Killing” sein, die in Deutschland vor Jahren unter “Kommissarin Lund” lief. Die BBC hat die beiden Serien im Original gezeigt und die Briten waren verzückt. Nun ja, eine bestimmte Sorte von Briten, diejenigen, die auch ‘Mad Men’ schauen. Das sind nicht viele, aber sie finden sich zumeist in den Redaktionen wieder. Die erste Staffel von “The Killing” war deshalb so großartig, weil sie sich so viel Zeit mit den Figuren genommen hat - bei 20 Stunden Sendezeit kann man das ja auch. Es war alles sehr düster, wie man sich Skandinavien im Winter halt vorstellt. Frau Grabol war beeindruckend als Sarah Lund oder Saaha Lund, wie sie ausgesprochen wird - die Dänen mögen keine Konsonaten, habe ich festgestellt.
Die zweite Staffel von ‘The Killing” ging da schon fast hopp-la-hopp und es musste natürlich der Nette sein, der sich als Bösewicht entpuppt. Und der aufrechte Politiker wird natürlich auch korrumpiert. Es gibt keine Gnade in dieser Serie, aber das macht sie ja so faszinierend und so anders. Sofie Grabol hatte noch einen denkwürdigen Kurzauftritt beim Weihnachtsspecial von “Absolutely Fabulous“, wie es schöner nicht ging. Das war dann ein richtiges TV-Weihnachtsgeschenk.
Bestes Buch
Um bei Skandinavien zu bleiben - dieses Jahr habe ich die Bücher von Jo Nesbo verschlungen, einem norwegischen Krimischriftsteller, der in Deutschland längst bekannt ist, der sich aber nun auch in Großbritannien eine große Fangemeinde erobert hat. In Deutschland habe ich immer einen weiten Bogen um die skandinavische Krimi-Landschaft gemacht, aber jetzt hat sie mich dann doch erwischt. Harry Hole ist natürlich auch ein Antiheld, ein Alkoholiker und die Fälle, die er lösen muss, sind so brutal, dass es einem doch ungemütlich wird. Die Charaktere sind alle irgendwie in blau-grau getaucht, kein Sonnenschein darunter und wenn, dann wird er gleich ins Jenseits geführt. Man freut sich nur, dass man im warmen Greenwich hockt, der Dackel an einen gekuschelt liegt und man nicht durch diese Düsterwelt laufen muss.
Bester Film
Ach, das ist einfach - “Tinker, Taylor, Soldier, Spy” mit einem unschlagbaren Gary Oldman, der als George Smiley auf leisen Sohlen durch die Spionagewelt der 70er Jahre wandelt und kaum Regung zeigt. Ich habe 2011 alle Smiley-Bücher von John Le Carré gelesen und mir vorspielen lassen - die BBC hat eine großartige Radio-Adaption mit Simon Russell Beale gemacht. Bei “Tinker, Taylor, Soldier, Spy”, den ihr guten Menschen in Deutschland bald auch sehen dürft, stimmt einfach alles - Drehbuch, Regie, Darsteller und nicht zu vergessen die braungrüne Ausstattung der 70er Jahre. Herr Firth hat nur eine Nebenrolle, aber er weiß sie zu nutzen. Wie alle, die hier nicht viele Sätze zu sagen haben - John Hurt, Benedict Cumberbatch, Ciaran Hinds, Toby Stevens, Mark Strong oder Tom Hardy - sie alle schillern auf ihre Weise. Es tauchen keine Frauen auf, was bedauerlich ist, aber dafür kann man sich ja “Bridesmaids” anschauen, das ein ganz anderes Kaliber war, mir aber ebenfalls das Herz erwärmt hat.
Musik
Erst ganz zum Schluss des Jahres bin ich zu Fopp gelaufen und habe mir die Alben des Jahres geschnappt - PJ Harvey “Let England Shake”, Laura Marling “A Creature I Don’t Know”, Elbow “Build A Rocket Boys” (sehr zum Missfallen von Mr. D, der mir jedes Mal, wenn ich die Platte laufen lasse, erklärt, wie banal und durchproduziert das Ganze klingt) und natürlich - wie Milliarden andere auf dem Planeten auch - war ich von Adele verzückt. Die junge Dame ist großartig, sie hat die dreckigste Lache, die man sich vorstellen kann und hat dann auch noch einen Dackel. Man muss sie einfach lieben.
Ich habe dieses Jahr kaum Platten gekauft, weil ich täglich mit großartigen Lieder von BBC 6 Music beschallt werde. Ich fange morgens des Tag mit Shaun Keaveny an und beende die Arbeitszeit mit Steve Lamarq. Dazwischen liegt die göttliche Lauren Laverne und die Altherrenjungs Stuart Maconie und Mark Radcliffe. BBC 6 Music ist die Station der Indie-Rocker und Popper. Morrissey, Dylan, The Clash, The Fall werden hier selbstverständlich auch gehuldigt. Und dann hört man jede Menge neuer Musik, ich bleibe also am Puls der Zeit, auch wenn meine Musikauswahl für 2011 doch eher altbacken daherkommt. Ich möchte auch noch Michael Kiwanuka ans Herz legen. Ja, bei ihm hört sich alles bekannt an, aber Himmel, sie klauen doch alle und Herr Kiwanuka singt einfach schön.
Wo ich nun in London lebe, ist mir das Radio wieder ans Herz gewachsen. Es hatte sich lange Zeit verabschiedet - HR 3 und NDR mit dem Einheitsbrei haben mir es auch leicht gemacht. Aber die BBC mit ihren tollen Sendern - BBC4 fürs Hirn und BBC6 Music fürs Herz haben mich wieder eingefangen. Wenn man so alleine vor sich hintippert und nur das Schnarchen des Dackels hört, während man arbeitet, bekommen die Stimmen aus dem Äther eine andere Bedeutung. Die Damen und Herren sind meine Bezugsgruppe, sie sind natürlich nicht meine Freunde, ganz so bescheuert bin ich auch nicht, aber sie erhellen mir so manchen tristen Arbeitstag.
Theater
Ach, da mach ich mir es einfach - ich nehme alle drei großen Produktionen, die ich gesehen habe. An meinem Geburtstag habe ich “Much Ado About Nothing” mit Guckschatz David Tennant angeschaut und der junge Mann hat mich nicht enttäuscht. Auch seine Kollegin Catherine Tate nicht, die eine wunderbare Beatrice war. Dann habe ich Kevin Spacey als Richard III gesehen und auch das war ein großes Geschenk. Er verlässt ja seinen Posten als Artistic Director am Old Vic und ich bedauere dies sehr. Es war jedenfalls denkwürdig. Genau wie Michael Sheen als Hamlet zu sehen. Da mir ja Herr Tennant als Hamlet verwehrt wurde, muss ich mich nun ganz auf Herrn Sheen stürzen, der atemberaubend war. Es spielte sicherlich eine Rolle, dass ich ziemlich dicht an der Bühne saß und mit anschauen durfte, wie sein Lockenkopf immer schwitziger wurde. Es war eine tolle Aufführung und er war ein charmanter, verletztlicher, witziger, warmherziger und durchgeknallter Hamlet - wie sich das gehört.
Guckschatz
Das ist natürlich Ursus. Ach, es war die beste Entscheidung von uns, sich dieses entzückende Wesen in unser Leben zu holen. Get thee a dackel and life will be better! Ein Hund führt entscheidend zur Lebensqualität bei - man ist mehr draußen, man plaudert mit mehr Menschen und wenn es so ein niedlicher Kerl wie Ursus ist, bekommt man ganz viel Wärme zurück. Ganz selten bekomme ich keine Reaktion, wenn ich mit ihm spazieren gehe. Es scheint, dass man hier in London ganz arg tierlieb ist und der Anblick eines trippelnden Dackel automatisch die Gesichtszüge entspannt. Und das ist auch schön - wir haben ihn ja für uns gekauft, aber wir sorgen unabsichtlich dafür, dass sich andere auch freuen. In diesem Sinne, einen guten Rutsch und ein ganz famoses 2012.